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Unihertz Jelly Review

Das klitzekleinste LTE-Smartphone überhaupt
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In gewisser Weise muss man beim Jelly, dem kleinsten Android-Smartphone das mir je untergekommen ist, alles was man von Smartphones erwartet umdenken. Angefangen damit, was eigentlich "klein" bedeutet. Das Jelly ist wirklich winzig. Auf Fotos wirkt es noch größer als wenn man es in der Hand hält. Gegen so ein Jelly wird selbst das Nokia 3310 klobig. Und ja, es passt wirklich in die Minitasche der Jeans. Problemlos. Aber geht das überhaupt? Android 7.0 auf einem 2,45-Zoll Bildschirm mit nur 240 x 432 Pixeln?

Vorweg noch, wir beziehen uns hier immer auf das Jelly Pro, das sich vom kleineren Jelly durch 2GB RAM (statt 1GB) und 16GB Speicher (statt 8GB) unterscheidet. Würden wir aber auch jedem empfehlen, vor allem weil es derzeit auch mit 89 Euro nur 14 Euro mehr kostet als das Jelly für 75 Euro, allerdings kann ich mir vorstellen, dass das Jelly - das in der Pro-Variante recht flüssig läuft - auch mit einem Gigabyte irgendwie klar kommt, da auch das Pro gerne mit einem Speicher von rund 1GB arbeitet, was allerdings bedeutet, das Apps häufig neu geladen werden müssen, was nie schnell ist. Eine microSD für bis zu 256GB gibt es in beiden und zusätzlich übrigens auch noch zwei SIM-Slots. Im Jelly steckt übrigens der gleiche Prozessor wie im Nokia 3, Archos 55 Helium, LG K8 oder Asus ZenFone 3 Max. Das reicht also schon mal durchaus.

Gallery: Jelly Pro Review | 18 Photos



Das Design? Plastik. Riesenbezel. Ca. in der Größe von zwei Wegwerf-Feuerzeugen. Da sitzt alles gut, wackelt nix, aber hübsch ist es nun auch nicht gerade, wobei wir ein weißes Modell hatten und das schwarze mir auf Bildern irgendwie runder vorkommt.

Der Bildschirm ist nicht nur klein, nicht sonderlich gut aufgelöst, etwas pixelig also und nicht so gut in den Farben (schon gar für Schwarz und obendrein fingerabdruckaffin), sondern, weil man ihn ja mit Fingern bedient, die nicht automatisch bei einem kleineren Screen mitschrumpfen, auch etwas sperriger als man denken würde. Wir alle kennen ja das Problem, dass ein Bildschirm zu groß ist und man nirgendwo mehr mit einer Hand dran kommt. Ein so kleines Telefon hat ulkigerweise ein ähnliches Problem. Das ist eben so klein, dass die Bedienung gelegentlich etwas umständlich wird. Da ist der Daumen schon oft zu klobig. Die Daumenspitze zu unpräzise. Das Jelly versinkt fast in der Handfläche, aber man wird es dennoch, ebenso wie bei einem stolz monumentalen Phablet, ziemlich oft mit zwei Händen bedienen.



Die Tastatur z.B. ist wirklich sehr mini, so dass man gut zielen muss. Überhaupt wirken auch die Schriften nicht selten etwas winzig, dass man eigentlich gute Augen haben sollte, wenn man das Jelly als Telefon in Betracht zieht. Doch kurz zur Tastatur. Als erstes sollte man Gboard installieren. Auf einem so kleinen Bildschirm sind Swipe und Spracheingabe mehr denn je zuvor dein Freund. Denn ja, wenn man sich nicht gut konzentriert ist es wirklich nicht immer einfach, selbst mit recht schlanken Fingern, die richtigen Buchstaben zu treffen. Es geht zwar mit etwas Eingewöhnung dann doch überraschend gut, aber längst nicht so flüssig wie man es gewöhnt sein mag.



Ist man über viele dieser Dinge hinweg, die so ein Mini-Bildschirm als Probleme erzeugen kann, dann ist man allerdings auf der anderen Seite auch schon wieder überrascht, wie gut ein modernes Android in so einem Kleinstformat eigentlich funktioniert. Erstaunlich viele Apps haben überhaupt kein Problem mit dem rasant verkürzten Screen-Realestate, diesen paar Pixeln da. Facebook, Twitter, Messenger, WhatsApp, YouTube, Gmail, alles kein Problem, wobei wir bei FB etc. die Lite-Versionen nehmen würden. Vermutlich ist hier die Diversität des Android-Ökosystems ein echter Vorteil. Man muss als App-Hersteller einfach mit fast allem rechnen. Wohl auch mit einer Breite von nur 240 Pixeln. Das sind nur 60 mehr als z.B. Apple für ein einziges App-Icon auf einem iPhone standardmässig verlangt.

Kann man damit Spiele spielen? Ich würde behaupten ja, auch wie die Startzeit oft etwas lähmend sein kann. Pokémon Go ging zu meiner Überraschung ohne Probleme (Gyro, Kompass und GPS sind da). Andere finden die paar Pixel allerdings zu wenig und weigern sich.

Auch wenn ich die Entscheidung von Unihertz gut verstehe, den Desktop auf eine Breite von nur 3 Icons nebeneinander zu schrumpfen, nach einer halben Stunde habe ich dann doch Nova-Launcher installiert, zum einen, um die relevanten paar Pixel oben zu gewinnen, die hier entscheidender denn je für Status-Krams verschwendet werden, zum anderen weil ich doch mehr Apps lieber gleich griffbereit auf dem Homescreen und im Dock habe. An die Kleinstdarstellung habe ich mich ja eh schon gewöhnt.



Die Batterie ist für mich überraschenderweise der größte Nachteil des Jelly. Das ist zwar Mini, aber es hat dennoch einen 1,1GHz Quadcore Prozessor und 2GB RAM und der Bildschirm hat zwar keine gute Auflösung, aber dafür ist er lichtstark und man will ihn auch so, weil eben alles so klein ist. Obendrein kommt das Jelly ja mit vollem LTE und WiFi a/b/g/n mit 2.4 und 5GHz. Die 950mAh sind da wirklich unterdimensioniert. Verständlich zwar, weil man das Jelly ja so klein machen wollte, aber es kann einem schon passieren, gerade wenn man es gerade testet, dass man die Batterie in 2-3 Stunden leergespielt hat. Offiziell hat sie bis zu 140 Stunden Standby und man kann 6 Stunden mit ihr telefonieren. Das mag vielleicht irgendwie erreichbar sein, meine Erfahrung sagt aber, mit angeschaltetem Wifi, ein paar Notifications für eine handvoll Apps, ist es selbst bei marginalem Gebrauch nach einem Tag leer, Standby ist auch eher 1 1/2. Man kann sie wirklich schnell runterrocken. Und, zweiter Nachteil: das Aufladen geht alles andere als schnell. Mit zwei Stunden sollte man rechnen. Für 9 Euro kann man sich eine Zusatzbatterie bestellen, was wir jedem empfehlen würden (die passen auch zusammen noch in eine Jeansuhrentasche), denn ne Powerbank mitnehmen scheint mir irgendwie auch ein wenig dem Grund zu widersprechen, warum man sich so ein Jelly überhaupt zulegen würde.

Aber was ist das für ein Grund? Anders gefragt: wer braucht so ein Mini-Android-Smartphone im Kleinstformat und warum?



Ein guter Grund wäre: Sommer, leichte Kleidung, wenig Taschen (man kann das auch am Arm tragen, es gibt nämlich so ein Fitness-Armband dafür), alles soll so leicht wie möglich sein. Und es wiegt mit 70 Gramm auch wirklich fast nichts. Klar könnte man für solche Fälle auch ein Dumbphone nehmen, aber im Notfall muss man dann eben auf all das verzichten, was man sonst alltäglich an einem Smartphone für essentiell hält. Und vor allem ist der Umstieg von einem Android auf das nächste vollkommen schmerzfrei. Alle Kontakte, alle Apps die man wirklich braucht, Maps, die eigenen Daten und Fotos, die eigene Musik, das ist alles schlichtweg da. Wenn man gelegentlich das etwas schizophrene Gefühl hat, dass man offline sein möchte, aber dennoch jederzeit das Gegenteil sein kann, ohne Einschränkungen, dann ist das Jelly genau richtig. Es ist so klein, das man es selbst in einer Hemdtasche tragen kann, aber so mächtig, dass es doch alles liefert, was man notfalls brauchen könnte. Es wirkt irgendwie befreiend, als Simulation, gelegentlich auch als Zwang (weil z.B. Tippen eher anstrengend ist, vermeidet man das lieber), aber es liefert gleichzeitig auch ein perfektes Backup für die eigene Online-Erreichbarkeits-Sucht, oder sagen wir besser -Normalität. Ich kann mir gut vorstellen, das Jelly beim Ausgehen mitzunehmen.

Wir hatten zufällig das Jelly einer Horde von Kids gezeigt und waren überrascht, wie toll sie das fanden. Vor allem (auch wenn es nicht gerade eine repräsentative Gruppe war) Jungs waren begeistert, was da alles geht, obwohl es so mini ist und hatten sehr schnell die Vorteile eines Mini-Smartphones gegenüber einem größeren abgewogen, fanden sogar, dass ein kleineres irgendwie einen gewissen "Premium-Faktor" hat, weshalb sie das obendrein vergleichsweise billig fanden. Für Kids könnte die Batterie sogar reichen, da 8 Stunden am Tag eh meist wegfallen, wegen Handyverbot in der Schule und sie auch nicht so spät ins Bett gehen.

Gallery: Jelly Pro Kamera | 20 Photos



Die Kamera... Mein Jelly Pro zeigt 5 Megapixel als Maximum. Warum sie das mit 8 Megapixeln angeben ist, ist mir nich ganz klar. Es ist auch wirklich keine beachtenswerte Kamera. Einer der großen Schwachpunkte des Jelly. Nicht dass ich viel erwartet hätte, aber einen Hauch besser und ich wäre damit schon zufrieden. Die Bilder wirken allesamt etwas verwaschen, die Farben blass, die Auslösung ist nicht die schnellste. Unteres Schnappschuss-Niveau würden wir sagen, mit dem typischen starken Rausch-Gefälle, wenn das Licht Richtung Dämmerung driftet. Allerdings habe ich bei Smartphones um die 100 Euro auch schon welche gesehen, die weitaus früher im Dunkeln aufgegeben haben, aber meist haben sie im Allgemeinen eine weitaus bessere Kamera. Die 2 Megapixel Selfie-Cam ist nicht wirklich etwas für Beauty-Shots, aber liefert gute Kontraste und genug Bild für Chats. Ich glaube die auf meinem in die Tage gekommenen MacBook Air ist schlechter.

Wo das Jelly wirklich aufdreht ist die Konnektivität. WiFi ist mit 5GHz-Unterstützung und a/b/g/n rasant und universell, die LTE-Band-Unterstützung ist mit 1/2/3/4/5/7/8/12/17/19/20 ziemlich universell, die Dual-SIM Slots laufen beide im Standby, Bluetooth 4.1 erfüllt seinen Dienst ohne Probleme mit allem Zubehör. Für so ein Kleinstsmartphone mag das das alles etwas überdimensioniert klingen, aber wer ähnliche Features bei seinem großen Handy gewohnt ist, wird dann eben beim Umstieg auch nicht frustriert sein, weil irgendwas mal zu lange zum Laden braucht.



Was ich mir wünschen würde für ein nächstes Jelly: einen Screen der ein klein wenig größer ist, ohne dass das Jelly selbst wächst. Da ist noch viel Bezel am Rand, den man gut für Screen nutzen könnte. Und eine Batterie die knapp doppelt so viel Leistung hat. Ansonsten aber ist es für das was es sein möchte, perfekt und überrascht eben einfach dadurch schon, dass das in diesem Kleinstformat irgendwie möglich und machbar ist. Ein ideales Notfall-Smartphone, das man zum eigentlich mitnehmen kann, ohne das es belastet, falls die Batterie des großen mal schlapp macht. Ein gutes Smartphone fürs Training, die dann gleich Musik und Fitnessapps in einem Paket haben (es kommt mit eigener Pedometer App) und auch eins für Kids, die man nicht mit so einem Stein um den Hals losschicken möchte. Guter Nebeneffekt auch: legt man es beiseite und wechselt zum gewohnten Smartphone, kommt einem das auf ein Mal so riesig vor, wie am ersten Tag.



Update: Das von mir gereviewte Jelly Pro ist wohl ein Vorserienmodell und die Kamerasoftware wird noch verbessert, so dass die Bilder dann auch 8 Megapixel sind und vielleicht sogar etwas besser.

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