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Neue Sichtweisen: Reportage Shanghai

Über die Zukunft der Mobilität in der chinesischen Megacity
Ji-Hun Kim
11.30.17
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Wie sehen Metropolen von morgen aus? Wie werden sich Megacitys entwickeln? Und was für Auswirkungen hat das auf das Konzept von Mobilität? Was sind die Wege, die für die Entwicklung zur Smart City eingeschlagen werden müssen? Auch in Europa werden diese Themen regelmäßig diskutiert. Nirgends scheint sich aber der Weg dahin so schnell zu entwickeln wie in der chinesischen 24-Millionen-Metropole Shanghai. Eine Reportage.

Für Automobilhersteller ist China laut eigener Aussage der wichtigste Markt der kommenden Jahrzehnte. Der Markt im Westen scheint gesättigt und der potentielle Wachstumsmarkt in Asien liegt daher auch für deutsche Premiumhersteller immer stärker im Fokus. Auch BMW betreibt seit 2012 ein Technology Office in der Metropole Shanghai. Neben den Bereichen Design und autonomes Fahren, wird hier vor allem auch im Sektor urbane Mobilität geforscht. Eine komplexe Disziplin im Spannungsfeld von Soziologie, Architektur, Städteplanung und Mobiltätskonzepten. Denn auch Marken wie BMW und Daimler haben erkannt, dass der Markt der Zukunft nicht nur darin liegt, Autos, sondern auch Dienstleistungen zu verkaufen. „Mobility as a service" nennt sich das Motto, das die Mobilitätsbranche der Zukunft definieren wird. Carsharing wie DriveNow, App-basierte Dienste wie ParkNow und ReachNow – man muss sich auch als Marke den Begebenheiten anpassen. Bis 2030 werden nämlich 60 Prozent der weltweiten Bevölkerung in Städten leben und das Konzept: Pro Haushalt ein eigenes Auto wird nicht nur aus platzökonomischen Gründen immer unrealistischer. Selten war für eine junge Generation im Westen der Besitz eines privaten Automobils so unwichtig wie heute. Außerdem gilt es die Entwicklungen im Bereich Vernetzung, E-Mobilität und autonomes Fahren mit zu berücksichtigen. Alleine in den letzten fünf Jahren sind hier unvorstellbare Fortschritte passiert.

Das alles zeigt sich in Shanghai nur zu gut. Der Raum ist knapp, kaum eine Stadt hat sich in den letzten 20 Jahren so rasant entwickelt wie Shanghai. Selbst in der Stadt geborene Menschen beteuern immer wieder, dass sie Stadtteile nach teils einem Jahr schon nicht mehr wieder erkennen. Nummernschilder werden im Losverfahren verteilt. Ein Auto zu kaufen, bedeutet daher nicht gleich, eine Berechtigung zu erwerben, damit auch fahren zu können. Schon jetzt gibt es weitaus weniger Stellplätze als angemeldete Vehikel. In der Stadt Shenzhen gibt es geschätzt 1,2 Mio. Parkplätze für 3,2 Mio. Autos. Der Verkehrskollaps und damit einhergehende Umweltbelastung sind hier ein permanentes Problem. Die durchschnittliche Zeit, die man in Beijing für den Weg zur Arbeit und zurück am Tag benötigt, liegt bei 75 Minuten. Viel anders sieht die Situation in Shanghai auch nicht aus. Man merkt schnell, dass in der asiatischen Weltmacht China andere Parameter gelten als in Europa und Amerika. „Marken wie BMW haben sich in Zukunft bereits bei der Entwicklung an chinesische Wünsche und Vorstellungen zu orientieren", erklärt Dr. Markus Seidel, Leiter der chinesischen BMW-Technologiebüros, „die Ansprüche an Fahrzeuge sind teils völlig andere als man sie von uns kennt." Als Beispiel nennt Seidel, dass man im Westen den Fahrer des Wagens als Käufer umwirbt. Tolle Features am Cockpit, sportliches Fahrverhalten. Passagiere im Fond wären da zweitrangig. Anders in China. Hier lassen sich Geschäftsleute, die sich so ein Auto leisten können, wenn möglich fahren. Die Rücksitzbank ist der Bereich, um den es hier geht. Hier muss es komfortabel, luxuriös und hochtechnisiert zugehen. Auch ein Grund wieso die meisten Limousinen, sei es von Audi, Mercedes-Benz oder BMW hier in der Langversion gekauft werden, um den Fondpassagieren mehr Beinfreiheit zu gewährleisten. Hierzulande gehören diese zur Seltenheit.

Die chinesische Regierung unterstützt auf vielen Kanälen die Elektrifizierung des Verkehrs. E-Roller bestimmen heute schon das Stadtbild und befreien die Klangtapete der Großstadt vom lärmenden Zweitakt-Geknatter. Käufer von E-Autos werden bevorzugt in der exklusiven Nummernschildvergabe behandelt. Einige sagen, dass ein E-Auto die einzige realistische Möglichkeit sei, um an eine Verkehrserlaubnis zu kommen. Was aber bedeutet jene Elektrifizierung des Verkehrs? Bis 2050 werden geschätzt eine Milliarde Menschen in China in Städten leben. Das würde einer Urbanisierungsrate von 77 Prozent entsprechen.

Verändern sich durch neue Produktkategorien und Vehikel auch die Anforderungen an eine Infrastruktur? Geht es nach der Tongji-Universität in Shanghai und BMW lautet die Antwort hierzu: Ja. Zusammen wurde die Vision „E3 Way" entwickelt, ein futuristisches Straßenkonzept, das ausschließlich für elektrisierte Zweiräder gedacht ist. Darunter zählen E-Bikes, E-Scooter und Pedelecs. E3 steht hierbei für Elevated, Electric und Efficient. Ein einzigartiges Großprojekt, das sowohl als Tourismusattraktion, aber auch als infrastrukturelle Lösung in vielerlei Hinsicht visionär ist. Man setzt beim E3 Way auf grüne Mobilität. Strom für die Ladestationen soll aus Solar gewonnen werden. Es gibt eine Regenwasserzirkulation, die hilft zu klimatisieren, viel Begrünung soll für weiteres gutes Klima sorgen. Außerdem wollen Tongji-Universität und BMW hier mit Künstlichen Intelligenzen arbeiten, eine sogenannte Dynamic Demand Prediction kann den Verkehrsfluss vorhersagen. Der User soll quasi mit der Smart City und dem E3 Way interagieren. Nicht zu vergessen, der Sicherheitsaspekt. So eine, die wichtigsten Stadtteile verbindende Zweiradroute könnte viele schwere Unfälle zwischen Fahrrädern/Rollern und Autos/LKW im Alltag verhindern.

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Gallery: BMW Tongji E3 Way Routen | 8 Photos

Professor Jun Ma leitet das Forschungsprojekt auf Seiten der Uni Tongji, hat in Darmstadt studiert, hält eine Gastprofessur in St. Gallen und spricht hervorragend deutsch. An der Tongji-Universität hat man entdeckt, dass offene Zugänge zu Wissen und ein praktisch-bezogener Ansatz gerade in den Bereichen Design für viele gute Effekte sorgen können. Studiumsbereiche sehen hier gerne wie Start-ups aus. 3D-Drucker, CNC-Fräsen, Lasercutter, Designstores und globalisierte Hipster-Gastrokonzepte. Design made in China ist international und individuell, kann sich mit Europa und den USA messen. Die Zeiten der plumpen Plagiate sind vorbei, scheint der Duktus. Der Anspruch auf Weltspitze wird auch hier untermauert. „Für uns ist der E3 Way nicht nur ein spannendes interkulturelles Projekt", erklärt Professor Ma, „Wir haben festgestellt, dass jede Metropole in China ihre ganz eigenen Dynamiken und Entwicklungen hat. Der E3 Way wurde trotz seiner modularen Struktur, die uns helfen wird, ähnliche Konzepte auch in anderen Weltstädten zu realisieren, für Shanghai maßgeschneidert. So eine Infrastrukturlösung wäre weltweit einzigartig." In der Tat rückten mit diesem Projekt die Bezirke Pudong und Yangpu näher zusammen.



Allerdings ist der E3 Way noch eine Idee, die erstmal nur auf dem Papier und in den Köpfen der Protagonisten existiert. Es gibt noch kein eindeutiges Business-Modell. Shared E-Scooter/E-Bikes spielen auf dem Hightech-Zweiradweg mit ziemlicher Sicherheit eine Rolle, auch ist man sich noch nicht hundertprozentig sicher, ob der E3 Way eher für Einwohner oder für Touristen ausgerichtet werden soll. Es gibt also noch einige Details auszutarieren. Die der Finanzierung steht mit Sicherheit oben auf der Liste, die Regierung wird bestimmt auch noch ein Wörtchen mitzureden haben. In Shanghai werden unterdessen Entscheidungen zügig umgesetzt. Anders als in Europa kann es durchaus sein, dass so ein urbanes Mobiltätsprojekt schneller realisiert wird als hierzulande ein Gutachten. Schaut man auf die brachiale Skyline mit dem Shanghai Tower, dem Shanghai World Financial Center und dem ikonischen Oriental Pearl Tower kann man nicht glauben, dass vor 20 Jahren hier nichts als Sumpfland gewesen sein soll. Shanghai hat auch als erste Stadt (und einzige) einen Transrapid zwischen Stadt und Flughafen gelegt und immer wieder wird der starke Pragmatismus und die Hemdsärmeligkeit der Nation betont. Der Shanghaier Tourguide, der vor einer Woche noch die First Lady des Landes durch die Stadt führte, erklärt: „Hier werden auch mal ganze Parks innerhalb einer Nacht hochgezogen. Bei der Eröffnungen sind die Bänke noch feucht vom Lack." Und augenzwinkernd erklärt er mir unter der Hand weiter: „Den BER hätten wir in einer Woche gebaut."

Gallery: Metropole Shanghai | 9 Photos

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